Das Ende trägt die Last

Es ist früh am Morgen. Der schwindende Herbst lässt sich noch an einigen der vereinzelt verteilten Baumkronen in der Stadtmitte erkennen – wandelnde Farben: rot und orange und gelb und braun. Sie sind nur für kurze Zeit vorhanden, denn die bunten Blätter fallen Tag für Tag immer mehr den aufkeimenden Winden zum Opfer, die jetzt, da es allmählich kälter wird, auch durch die Schluchten der Stadt zwischen Beton, Glas und Leuchtreklamen ziehen. Im Sommer, wenn die Sonne lange am Himmel steht, scheint sich die Wärme der Stadt ewig zu halten. Wie Lithium-Ionen-Akkus speichern die großen verspiegelten Fassaden die Energie der Sonne, und wie ein Handy, das bereits bei 25% schon wieder an die Steckdose kommt, können auch die Häuserwände ihre Wärme in den Sommernächten nicht vollends entladen. Denn morgens um sechs kriecht langsam und behände schon wieder die heiße Sonne über den Horizont empor.

Aber im Winter ist es anders. Wenn die kalte Jahreszeit vom arktischblauen Himmel hinabatmet und den eisigen, ätherisch-belebenden Atem durch die Straßen schickt, dann werden die Steine kalt. Und kälter. Der Frost setzt sich nieder und kreiert neblige Schwaden vor dem Mund. Beim Rennen tut das Atmen in den Lungen weh, und die Menschen schützen sich vor der Kälte, indem sie Mäntel und Schals tragen und ihre Pläten mit Baskennützen verdecken. Sie wärmen sich mit einem Tee, einem heißen Kakao oder einem Kaffee, und würden am liebsten im warmen Zuhause im Bett liegen. Aber sie können nicht. Sie müssen arbeiten, und daher bewegen sie sich – trotz Kälte – in ihren gewohnten Bahnen. Zumindest sofern dies ihnen erlaubt ist.

Ich gehe durch den hell erleuchteten Bahnhof, Stell- und Angelpunkt der ganzen verschiedenen Gesichter – übernächtigte, genervte, gestresste und hetzende. Aber auch lachende, verliebte, und freudige. All die, die am frühen Morgen pendeln müssen – von ihrem Heimatort zu ihrer Arbeit. Von ihrer Geliebten zu ihrer Frau, von ihrer Frau zu ihrer Geliebten. Oder zu einer bekackten Weiterbildung – vom Arbeitsamt gesponsort. Was auch immer. Die Leute bewegen sich, sie sind unterwegs. Derweil kündigen Durchsagen zwischen knackenden Tönen den pünktlichen Menschen verspätete Züge an, während verspätete Menschen zu den pünktlich einfahrenden Zügen die Treppen hinaufhetzen. Es riecht nach Kaffee und Brot und zwischendurch in einer dunklen Ecke an den Schließfächern auch mal nach Kotze und Urin. Der Geruch eines Hauptbahnhofs an einem Wochentag.

Mein Zug kommt um Punkt 7:55 Uhr. Ich habe ein wichtiges Meeting in der Rheinstadt Nummer Eins. Eine Firma will sich intern neu aufstellen – also marketingmäßig. Neuer Auftritt. Alles soll ein wenig moderner werden. Ganz kreativ. Viel Geld ist dabei, da bin ich dann natürlich auch dabei, sagt mein Chef. Von dem Geld sehe ich aber nichts.

Ich hole mir beim Fischmann noch einen heißen Kaffee und grinse – darüber erfreut, dass mein Zug keine Verspätung hat – behindert vor mich hin. Gemütlich gehe ich die Treppe hinauf, zu meiner Linie, welche sonst eigentlich sehr anfällig für Verspätungen ist. Ich freue mich darüber, über diese Entspanntheit, denn entspannt sein ist wichtig. Und das Meeting, naja, das ist ebenfalls wichtig. Zumindest für den Kunden und für meinen Chef. Für mich, nun, mein Chef ist eben mein Chef. Und der will, dass ich da bin. Also Spesen, Lunch und Kaffee beim Kunden – und zwei, drei Überstunden. Gar kein so schlechter Deal eigentlich. Denn Überstunden bedeuten, dass man sich an einem Freitag in nicht allzu ferner Zukunft mal eher verpissen kann.

Ich stehe oben am Gleis und ziehe den Schal über meinen Mund. Der Kaffee dampft aus dem Pappbecher und die Sonne geht am Horizont in der Kerfte zwischen zwei Hügeln auf – wie ein glänzender Funke zwischen zwei riesigen Arschbacken – vor dem Hintergrund eines dunkelblauen Nachthimmels. Vater Frost bläst derweil über das grau-rot bemalte Gleis als würde er eine Rodelbahn herbeizaubern wollen. Und ich genieße diese unerwartete Ruhe, die dieser frostige Morgen mit sich bringt. Denn die verspäteten Züge der letzten Stunde, die vor einigen Minuten ein- und danach wieder ausfuhren, haben all die Menschen mitgenommen, die jetzt gleich in meinem Zug sitzen würden. Das bedeutet für mich, dass ich einen Sitzplatz bekommen werde. Und das ist gut. Jedenfalls besser, als 90 Minuten in einem vollbesetzten Zug im Gang neben der Toilette zu stehen und die haarspraygetünchte Dauerwelle der gegenüberstehenden Frau zwischen den Zähnen zu haben, während man doch eigentlich noch so schön im Bett liegen könnte.

Während ich so am Bahnsteig warte kommt eine Durchsage, begonnen von einem kurzen Knacken und einer weiblichen Stimme, die erst in das Mikro hustet und dann sagt: „Sehr verehrte Fahrgäste. Die Regionalbahn über Bochum, Essen, Duisburg und Köln nach Aachen hat voraussichtlich eine Verspätung von ca. 20 Minuten. Wir bitten Sie, dies zu entschuldigen.“ Dann wieder ein Husten, gefolgt von einem Knacken, und das wars. Mehr nicht. Und in dem Moment, wo das finale Knacken aus den vom Bahngleisdach hängenden Lautsprechern ertönt, erscheint auf dem Display plötzlich in daherlaufender Schrift: „Zug fällt aus. Wir bitten um Entschuldigung. Zug fällt aus. Wir bitten um Entschuldigung. Zug fällt aus. Wir bitten um Entschuldigung.“ Wie aus dem nichts. Vor zwanzig Sekunden, einer Minute vor Ankunft, noch pünktlich, dann zwanzig Sekunden später, 40 Sekunden vor Ankunft: 20 Minuten Verspätung und jetzt, 20 Sekunden vor Ankunft: Zug fällt aus.

Ich schaue in Richtung des Horizonts, dort wo die Sonne dem Stern Betlehems gleich zwischen der städtischen Arschrille langsam emporsteigt und versuche den Zug auszumachen. Aber ich sehe nichts. Müsste ich ihn nicht eigentlich erkennen können, bei einem solch späten Ausfall? Klar müsste ich. Er müsste fackelnd mit lodernden Flammen langsam in den morgendlichen Bahnhof einrollen, dann könnte ich die späte Absage verstehen. Aber so? Nichts. Nur ein leeres Gleis mitsamt Oberleitungen, das bis weit in den Horizont hineinführt und meine Stadt mit einer anderen verbindet. Wie eine Narbe, die von Muttermal zu Muttermal geht. Oder eine gigantische Zahnspange. Komische Metapher, ich weiß.

Ich nehme einen Schluck Kaffee, schaue mich um, entdecke ein junges Mädchen am Gleis ­– neben mir die so ziemlich einzige Person – und schaue wieder auf das Display. Die Anzeige des Zuges ist weg. Keine Spur mehr von ihm. Als hätte er nie existiert. Aber alles gut. Halbe Stunde Puffer ist eingeplant. 29 Minuten bleiben. Geh ich eben im Zug scheißen, kein Problem. Und der Kaffee ist noch heiß. Perfekt.

Am gegenüberliegenden Gleis steht ein ICE, Richtung Aachen. Und einige Meter weiter stehen zwei Zugbegleiter in einer offenen Tür und unterhalten sich. Ich gehe zu Ihnen hin. Die Zugbegleiter der ICEs haben meist den entsprechenden Durchblick, den so eine Situation wie meine verlangt – besser als jede App und jedes Bahnhofsdisplay. Außerdem lässt sich so ein ICE meist zuschlagsfrei nutzen, wenn der eigene Zug ausfällt. Daher ist mein Appell an die Bahnbediensteten nicht nur rein investigativer Natur.

„Guten Tag zusammen“, spreche ich die beiden Zugbegleiter an. Der, der sich mir zuerst zuwendet, ist ein Mann, mit kurz geschorenem Haar und dunkelbrauner Haut, vielleicht Türke. Die andere ist eine Frau, Mitte Fünfzig, mit beginnendem Graustich in der Kurzhaarfrisur.
„Guten Tag der Herr“, antwortet der Mann namens Herr Bogdan mit einem Lächeln. Sein Name funkelt dabei als Gravur von dem goldenen Namensschild über seiner linken Brust. Sein Walkie Talkie rauscht und knackt, wie die Durchsage aus den Gleislautsprechern. Die Bahn bräuchte langsam wirklich mal eine Modernisierung.
„Mein Zug ist soeben ausgefallen“ sage ich. „Und ich muss nach Köln.“
„Und sie möchten mitfahren?“
„Ganz genau“, sage ich.
Der Mann redet kurz mit seiner Kollegin und er erwähnt einen Zahlencode. Sie lacht, ein Insider offenbar. Mir schwant, als ginge es dabei um die Urlaubsplanung, oder um einen Vorgesetzten. Dann wendet sich der Mann namens Herr Bogdan wieder mir zu.
„Kein Problem“, sagt er. „Steigen sie ein.“

Ich bin überrascht. Mit einer so einfachen Lösung der Situation hatte ich nicht gerechnet.
„Aber sie müssen sich ein wenig gedulden“, schiebt er nach. „Es gibt eine Stellwerkstörung am Gleis. Das kann etwas dauern.“
„Ist überhaupt kein Problem“ sage ich, und will gerade einsteigen, als Herr Bogdans Funkgerät, welches eher wie ein älteres Schnurlostelefon aussieht, abermals knackt. Er hält es sich ans Ohr und dreht dem beißend kalten Wind den Rücken zu. Daher höre ich vom anderen Ende der Leitung nicht den geringsten Ton. Herr Bogdans Hand jedoch signalisiert mir: Warten Sie bitte.

Nach ein paar Sekunden nimmt er den ominösen Funktelefonhybriden vom Ohr. „Es gibt ein Problem“ berichtet er.
„Was für ein Problem?“
„Nun, offenbar dauert die Stellwerkstörung doch etwas länger. Wir fahren daher einen Umweg. Soll heißen: Wir fahren zurück nach Dortmund und von dort aus über Düsseldorf nach Köln.“
„Aber sie fahren jetzt direkt los?“ frage ich ihn.
„Ja, in zwei, drei Minuten.“
„Na dann ist mir der Umweg egal. So bin ich immer noch am schnellsten unterwegs.“
„Das stimmt wohl“ sagt Herr Bogdan, lächelt, und öffnet mir die elektrische Tür. Die Zugbegleiterin lächelt ebenfalls – und beide wünschen mir eine gute Fahrt.

Im ICE ist es ruhig. Der blaue Teppich dämpft die Schritte der Reisenden wie ein wattierter Fuß. Ich nehme das erste Abteil, direkt neben der Toilette, und breite mich mit meinem Krempel auf sechs leeren Sitzen aus. Mantel dort, Sweater dort, Schal dort, Rucksack dort, alles bekommt sein Plätzchen. Heute ein König. Fehlt eigentlich nur das passende Pils aus der Werbung. Aber zu solch früher Stunde trinke ich in den seltensten Fällen. Wenngleich es den Kaffee äußerst gut ersetzen würde. Hach, es hätte mich wirklich schlimmer treffen können, denke ich. Viel schlimmer. Die Zugbegleiterin kommt schließlich an meinem Abteil vorbei, wünscht mir nochmals eine gute Fahrt und fragt, ob ich sonst noch etwas benötige. Ich spiele kurz mit dem Gedanken mir ein Bier zu bestellen, verwerfe den Gedanken jedoch in Anbetracht des Meetings wieder. „Nein“, sage ich. Dann geht sie weiter.

Über den Gang höre ich immer noch Herr Bogdan, wie er in der geöffneten Tür steht und weiteren Passagieren, die den Mitfahrbraten gerochen haben und nun herüberstreunen, die Problematik mit dem Stellwerkproblem erläutert. Immer und immer wieder. Jedem dieselbe Geschichte. Sein Tonfall ist freundlich, jedes Mal. Und er bietet jedem Einzelnen an, ihn mit nach Dortmund zunehmen, oder sogar weiter, bis nach Düsseldorf – oder Köln. Und sie alle nehmen dankend an, an diesem kalten Wintermorgen. Ein Fahrgast nach dem Anderen. Sie passieren mein Abteil, wandern mit gedämpftem Schritt an den anderen Ruhezonen vorbei und verteilen sich irgendwo weiter in der Mitte des Waggons auf den Gangplätzen.

Ich packe ein paar Nüsse aus dem Rucksack – Proviant für den modernen Überlebenskünstler, den Städtependler – und mach mich ein wenig lang, strecke die Beine aus. Aufrecht sitzen muss ich später schließlich noch genug beim Kunden. Ich höre, wie Herr Bogdan an der Tür die letzten Fahrgäste abfertigt – und wie sie erleichtert die kostenlose Mitfahrt in Deutschlands Edelzugklasse wahrnehmen. Die Mitfahrt nach Dortmund, zum passenden Umstieg. Dann trippelt der letzte Passagier an meinem Abteil vorbei, und ich, immer noch alleine, höre wie Herr Bogdan mit einem Pfeifenpfiff die Abfahrt signalisiert. Dann schließt er die Tür. Und der Zug fährt an. Langsam zieht der Bahnsteig an meinem Fenster vorbei. Ich schaue auf die Uhr und denke: Geil, fast besser als nach Plan. Denn im Regionalexpress hätte ich jetzt stehen müssen. Hier jedoch steht nur einer: Herr Bogdan, der Held meines Tages. Der Held meines Tages, dessen komisches Hybridtelefon wieder knackt, direkt auf dem Gang, und direkt neben meinem Abteil.

„Was gibt’s?“ fragt er die Person am anderen Ende. Dann eine kurze Pause. Und wieder ein Knacken. „Das ist jetzt nicht dein Ernst oder?“ Und dann wieder ein Knacken. Gefolgt von einem kräftig-gefluchten „Scheiße verdammt!“ Direkt aus Herr Bogdans Mund.

Der Zug rollt ganz langsam weiter, Meter für Meter, ist dabei immer noch im Bahnhof, als eine Durchsage kommt: „Sehr geehrte Fahrgäste. Wir möchten Sie hiermit informieren, dass dieser Zug nicht in Dortmund hält. Wir wiederholen: Dieser Zug hält nicht in Dortmund. Wir fahren einige Kilometer zurück, und fahren dann ab einem anderen Stellwerk ohne Zwischenhalt nach Düsseldorf und weiter nach Köln. Wir bitten sie, dies zu entschuldigen.“

Als die Durchsage endet, verlässt der Zug langsam das Bahnhofsgelände. Und ich höre Schritte. Die stampfenden Schritte, deren wütender Klang selbst der dunkelblaue Teppich im ICE nicht verbergen kann. Die Schritte wütender Mitbürger, die sich beschweren wollen. Ich stehe auf und trete auf den Gang, und da eilt der erste Mensch bereits an mir vorbei. Ein blonder Mann mit brauner Lederaktentasche und blauer Sportjacke. Er geht so schnell, dass ihm seine Ledertasche auf dem Gang mehrfach von der Schulter rutscht und er sie wieder hochziehen muss.

„Sie …“, flucht er Herr Bogdan mit wütender Stimme an. „Sie haben mir gesagt dieser Zug hält in Dortmund. Ich möchte ihren Namen und ihre Dienstnummer haben.“
Namen und Dienstnummer, denke ich. Was ein Mongo.
„Jetzt beruhigen sie …“
„Ich beruhige mich nicht“, unterbricht der Mann Herr Bogdan. „Sie haben mir gesagt der Zug hält in Dortmund, und ICH – MÖCHTE – JETZT – IHRE -DIENSTNUMMER – HABEN. Ich lass mich doch nicht verarschen.“
Herr Bogdan seufzt leise, und versucht, die Beherrschung nicht zu verlieren.
„Mein Name ist Herr Bogdan“, sagt er. „Und wie ist ihrer?“
„Was interessiert sie mein Name?“
„Na, ich werde doch wissen dürfen gegen wen ich mich zu verteidigen habe.“
„Mein Name tut hier nichts zur Sache. Sie haben mir gesagt, dass der Zug in Dortmund hält, und …“­­
„Und was?“ mische ich mich in das Gespräch ein. „Der Herr hat die Information, ebenso wie sie, gerade erst bekommen. Ich habe es gehört. Der Herr kann da nichts für. Wenn Sie wollen, können sie sich meinen Namen direkt mit aufschreiben.“
Der Mann schaut mich an, dann Herr Bogdan. Dann wieder mich, und dann nochmals Herr Bogdan. Zwischendurch wirft mir der Zugbegleiter ein kurzes dankbares Lächeln zu. Doch hinter mir stapft schon die nächste Person den blauen Industrieteppich hinunter. Eine Frau rempelt mich von hinten an. Eine Frau in schwarzer Jeans, schwarzer Lederjacke und mit schwarzer Ledertasche. Auch sie richtet mehrfach ihre Tasche zurecht.

„Da sind sie ja“, sagt sie. „Sie habe ich gesucht.“
„Sie können doch, ..  sie sind doch gerade erst eingestie …“ will Herr Bogdan einlenken, um ihr klar zumachen, dass sie ihn in der Zeit unmöglich gesucht haben kann, aber er hat keine Chance.
„Sie haben mir doch gesagt der Zug hält in Dortmund“, unterbricht sie seine Äußerung. „Ich möchte gerne ihren Namen wissen.“

Herr Bogdan atmet tief durch die Nase aus. Seine Schultern hängen, so dass ihm das Kontrollgerät für die Fahrkarten beinahe von der Schulter rutsch und er es hochziehen muss. Wie wir doch alle manchmal irgendwie gleich aussehen, denke ich. Auch wenn wir auf anderen Seiten stehen. Herr Bogdans Stirn glänzt, und das bei gefühlt minus 5 Grad Außentemperatur. Sein Gesichtsausdruck ist der eines Mannes, der bereits zwölf Stunden gearbeitet hat und nicht der von Jemandem, dessen Schicht soeben erst begonnen hat.

„Sein Name ist Herr Bogdan“ sage ich. „Aber das wird ihnen nichts nutzen. Denn er wusste nichts davon“
Die Frau mit der Lederjacke dreht sich zu mir um, schaut mich an. Aber nur für einen kurzen grimmigen Moment, ehe sie sich wieder Herrn Bogdan zuwendet. Ich schaue ihr kurz auf den Arsch, und im Folgenden wandert mein Blick für den Bruchteil einer Nanosekunde aus dem Fenster. Wir haben etwas Fahrt aufgenommen und im Osten, im Schein der aufgehenden Sonne, erscheint der Tower des Bahnhofs. Irgendein Arschloch, denke ich. Irgendein Arschloch sitzt da oben, gemütlich, mit einem heißen Tässchen Kaffee auf dem Tisch, Buchse offen, Hand am Sack, Heizung an, und reitet den armen Mann hier in die Scheiße. Das Ende trägt die Last, denke ich. Und als mein Blick zurück über den Arsch der Frau wieder in das Geschehen schwenkt, fängt das lasttragende Ende gerade an sich zu rechtfertigen.

„Mein Name ist Herr Bogdan …“, sagt Herr Bogdan, von Berufswegen her Zugbegleiter, als drei weitere Personen hinter mir den Gang hinunterstapfen – wie wütende Stiere auf einem festgefrorenen morgendlichen Acker. „… und es tut mir wirklich sehr leid, aber ich habe die Information auch eben erst bekommen. Gerade als der Zug angefahren ist.“

„Das ist richtig. Kann ich nur bestätigen“ mische ich mich wieder ein. Denn das tue ich gerne: mich einmischen. Doch die Frau ignoriert mich weiterhin – scheinbar tut sie DAS gerne. Der Mann jedoch beruhigt sich allmählich.
„Und wo können wir dann umsteigen?“ fragt er.
„Frühestens in Düsseldorf. Ab Düsseldorf halten wir dann so wie vorgesehen.“
„Ach so, in Düsseldorf halten wir?“
„Ja, sagte die Durchsage ja gerade“, fügt Herr Bogdan hintenan.
Der Mann nickt, vermutlich ein Zeichen seines Danks, und wendet sich ab.

„Aber ich wollte nach Essen“, sagt die Frau.
„Wir auch“ sagen zwei herantrabende Männer.
„Ja aber um Essen ging es hier nie“ sagen Herr Bogdan und ich auf eine Art und Weise parallel, dass man uns für Synchronschwimmer halten könnte. Und die Leute gucken verwirrt.
„Das ist richtig,“ schiebt Herr Bogdan dann nach. Und langsam beruhigt sich die Lage – in Anbetracht der eigenen Dummheit der Zugestiegenen. Und natürlich, weil scheinbar niemand wirklich nach Dortmund will. Schade eigentlich – die haben ein wundervolles Ghetto da. Da gibt es erstklassigen Fisch. Aber gut. Der angekündigte Halt in Düsseldorf scheint die anderen Fahrgäste befriedigt zu haben – jedenfalls bis auf die paar Pfeifen, die hier gerad stampfend den Flur runtergejagt sind, auf der Suche nach Herr Bogdan.

Ich denke nochmals an den imaginären Mann im Tower. Ein Typ, zwei Sekunden Schlaf, und jemand anders wird vollends der Tag ruiniert. Ein Ochse passt nicht auf, und die anderen Bullen, die den Karren ziehen, können nicht mehr zeitig anhalten und fallen die Klippe runter. Wenngleich das auf Herr Bogdan heute nicht zutrifft. Denn heute, nun, Herr Bogdan lächelt mich an. Er lächelt mir freundlich zu, während die anderen Fahrgäste langsam kehrt machen und ebenso langsam begreifen, dass sie zwangsläufig bis Düsseldorf fahren müssen – über Dortmund und ohne Halt – und das Herr Bogdan daran auch nichts ändern können wird. In keinster Art und Weise.

„Danke“ sagt er schließlich leise zu mir, ohne dass es jemand hört. Dabei klopft er mir einmal vorsichtig auf die Schulter, und wischt sich danach mit einem Taschentuch über die verschwitzte Stirn.
„Das hätte ganz anders kommen können.“
„Ich weiß“, sage ich. „Das Ende trägt immer die Last. Deswegen sitze ich in diesem Zug.“
„Guter Spruch“, antwortet er, „wenn auch etwas traurig.“
„Ist ironischerweise von meinem Chef“ sage ich. Und Herr Bogdan lässt ein Lächeln vom Stapel, das uns kurzzeitig zu Brüdern vereint, bevor er weiter seinem Job nachgeht – so wie ich.

Ich schaue schließlich aus dem Fenster, auf die Gleise, die so schnell vorüberziehen, dass die einzelnen Stahlschwellen zwischen ihnen nicht mehr zu erkennen sind. Eine verschwommene Masse, die jedoch so viel an Gewicht und Kräften halten kann – und in die rechten Bahnen lenkt. Das Ende trägt die Last, denke ich, und das ist richtig. Und ohne das Ende wäre nur Chaos. Gleise ohne befestigende Bestandteile, Pommes ohne Mayo, Krankenhäuser ohne Krankenschwestern, Berge voller Plastiksäcke in den Seitengassen der städtischen Strassen – schmutzige Flure und Treppen. Alles würde verkommen. Das Ende trägt die Last. Und das war schon immer so. Leider wird der Ast zum Ende hin immer dünner. Das liegt in der Natur der Sache. Daher gibt es nur eine Möglichkeit, die Last abzufangen: Zusammenhalten. Stell sich einer vor, was wäre, wenn eine Milliarde Menschen mal einen Tag lang nicht einkaufen gehen würden. Wenn sie mal einen Tag, jeder für sich, aber doch alle zusammen, nicht fünf Euro für einen überteuerten scheiß Filterkaffee ausgeben würden? Eine Milliarde Menschen, die einfach zu Hause bleiben würden, Fernseher aus, Handy aus, und nichts tun würden. Die dem Chef sagen würden: Geh und fick dich selbst. Nur für einen Tag. Sich nicht in die überfüllten Züge quetschen, aus denen die Menschen nur noch so rausperlen, wenn die pneumatischen Türen aufgehen. Nicht acht Stunden auf dem Boden für einen Hungerlohn rumkriechen und den Dreck anderer Leute wegmachen. Eine Milliarde Menschen, die sich nicht gegen den Einzelnen am Ende der Nahrungskette richten, sondern gegen jemanden, der wirklich was zu sagen hat. Das wäre doch was. Den Hammer der Selbstbestimmung greifen und richtig auf die dampfende Scheiße der Unterjochung hauen. Nicht akzeptieren. Ansage machen. Allgegenwärtige Darstellungen ins Gegenteil verkehren. Die da oben würden sich ganz schön wundern, wenn Sie ihren Scheiß alleine machen müssten ­– oder plötzlich auf ihrem ganzen Krempel sitzen bleiben würden, den sie durch ihre plattformübergreifenden 24/7 Marketing-Attacken an Mann, Frau, Kind und Divers bringen wollen: Teuer angebotene Plastikschuhe, deren Sohlen Abfallprodukte der Kunststoffproduktion auf irgendeiner Insel im Pazifik sind. Chemische Zusammensetzungen mit diagnostizierter Wirkung zur Tittenvergrößerung oder Fettverbrennung, kurz: Tabletten. Dazu Medikamente, die als Heilmittel verkauft werden, aber eigentlich nur die negative Nebenwirkung eines anderen Medikaments aufheben, und leider in der Kumulation mit den Weichmachern aus dem Polyethylen-Schlüpfer für Hoden sorgen, die wie Rosinen aussehen. Und Shampoo für Haarwachstum mit X/Y-Chromosomen. Hach ja. Und trotzdem rennen sich die Leute am Black Friday lieber über den Haufen – für ein paar BHs aus billigem Polyester und eine Spielekonsole, von der das bessere Modell mit anständiger Leistung längst Top-Secret in den Startlöchern der Produzenten liegt – für den nächsten Black Friday, zum besten Kurs. Dabei fällt der Preis in den Tagen auf den „Angebotswahnsinn“ ohnehin um die am Konsumfeiertag sermongleich heruntergebeteten Prozente. Aber man muss eben auch aufmerksam sein. Man muss den leeren Zug sehen, wenn er neben einem steht. Wenn man dann zusammenhält, dann kann auch einer aus der letzten Reihe kostenlos in der ersten Klasse fahren.

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