Zeuge einer Flucht

Eine Kurzgeschichte über ein Verbrechen. Und über einen Unschuldigen, der sich selbst für einen Täter hält …


Karl hatte die Frau gestern schon gesehen, am frühen, noch sonnigen Abend, als sie in demselben Zug war wie er. Sie stand an der Tür – und er schaute sie von seinem Sitz aus an. Sein Blick ging vorbei an den anderen, von der Wärme gebeutelten Fahrgästen, die mit müden Lidern durch die staubigen S-Bahn-Fenster blickten. Und für einen kleinen Moment, als er selbst kurz aus dem Fenster geschaut hatte, kam es ihm so vor, als hätte sie ihn beobachtet. So als würde sie ihn erkennen. Dann hatte sie sich jedoch schnell wieder weggedreht. Und Karl war sich nicht mehr ganz sicher, ob ihr Blick überhaupt ihm gegolten hatte. Hatte er?

Er hatte überlegt zu ihr hinzugehen, schließlich kannten sie sich aus einem dieser Schriftsteller-Kurse an der Universität. Sie hatte sogar an einem Tag des Seminars neben ihm gesessen, erzählte, sie mache irgendwas mit Tanz oder Kampfsport oder so. Ganz sicher war sich Karl dabei aber ebenfalls nicht. So viele Frauen in der Zeit des Studiums. Was er aber wusste, war, dass sie es war, die neben ihm gesessen hatte. Und er wusste auch, dass sie sich an ihn erinnern musste. Immerhin unterhielten sie sich über das Schreiben und irgendwie hatte er auch das lächelnde Profil ihres mädchenhaften Gesichtes in Erinnerung, wie sie neben ihm sitzt und ihm einen zugewandten Blick zuwirft, mit ihrem Lächeln und ihren feinen Wangengrübchen, die sich hinter den dunklen Strähnen ihres langen Haars verbergen. Und welche er auch jetzt im Zug wiedererkannte, auf ihrer sonnengebräunten Haut.

Erinnert sie sich nicht an mich? Scheiße, was wenn nicht? Das waren Karls Gedankenzüge gewesen. Und die waren eindeutig. Denn wenn sie ihn bemerkt hatte, wie er sie im Zug anstierte, dann würde er schon in Erinnerung bleiben, oh ja. Und zwar als jemand, der in seinen Mittdreißigern schöne junge Frauen mit langen dunklen Haaren in Zügen angafft, bis sie letztendlich angewidert oder verängstigt an der nächsten Haltestelle die Flucht ergreifen. Und wer weiß, vielleicht würde sie ihn sich sogar vorstellen, wie er sich dann zu Hause heimlich einen runterholt. Ja, so richtig mit Spucke, flatsch flatsch flatsch. Genau an sowas dachte Karl dann. Aber diese Gedanken gefielen ihm nicht. Nein, sie gefielen ihm überhaupt nicht. Und wenn die Frau, von der er nicht mal sicher sagen konnte, dass sie ihn angeschaut hatte, gewusst hätte, dass er auf dem Weg zu seiner Freundin war, gestern, als er im Zug saß und sie aufgeregt angaffte, in der Hoffnung, dass sie ihn erkennen würde, dann wären ihr solche Gedanken bestimmt nicht gekommen. Nein, ganz bestimmt nicht. Aber für so viel Smalltalk war einfach keine Zeit gewesen. Die S-Bahn-Tür war an der erstbesten Haltestelle mit einem pneumatischen Zischen auf – und direkt wieder zugegangen. Sie hat mich doch ganz bestimmt gesehen, oder? Karl hatte sich im anfahrenden Zug noch mal umgedreht – doch sie verschwand direkt hinter einigen Büschen auf einem hinabführenden Weg an der Haltestelle. Und dann war sie weg. Nicht mal für ein „Hallo“ war Zeit gewesen. Oder ein „Lange nicht gesehen.“ Scheiße, nicht mal ein dämliches Winken war drin.

Umso passender war die Chance, die sich ihm bot, als ihm die Frau, an dessen Name er sich bei aller Anstrengung nicht erinnern konnte, wieder begegnete. Heute, an einem sonnigen, brütend heißen Großstadttag. Ja, er konnte seinen eventuellen Perversen-Eindruck wieder abschütteln. Und auch die Erinnerung, die dieser in seinen Gedanken hinterlassen hatte. Denn vielleicht hatte sie ihn einfach nicht erkannt, ja sogar nicht mal bemerkt, und alles war nur in seinem Kopf. Aber das konnte nur sie beantworten. Und genau sie war es, die gerade um die Kurve an der Kreuzung Lindemann- und Langestraße kam. Und sie fuhr direkt auf Karl zu. In der Sommerhitze des Freitagnachmittags fuhr sie mit ihrem silbernen Damenrad fast auf der Mittellinie und strampelte kräftig, wenn auch sitzend, in die Pedale. Es lagen hundert, vielleicht hundertfünfzig Meter zwischen ihnen, aber er erkannte sie bereits als sie um die Kurve fuhr. Er musste ja auch die ganze Nacht an die peinliche Situation des Vortags denken. Umso mehr – so dachte er sich – müsste sie sich doch auch an mich erinnern, oder? Wenn ich sie doch schon auf so weite Distanz zu erkennen vermag.

Na komm schon, sprich sie an, dachte sich Karl. Warum sollte man Leute, die man mal kennengelernt hat, nicht ansprechen dürfen? Falsche Scham? Schüchternheit? „Schwachsinn“, sagte Karl leise zu sich selbst und ging weiter. Entschlossenheit war in seiner Statur. Jugendliche Entschlossenheit. Er ging aufrecht mit großen Schritten in ihre Richtung. Fast übereifrig. Links neben ihm das Altersheim, und über ihm die Balkons, deren Schatten ihn vor der heißen Mittagssonne schützten.

Das Mädchen fuhr schnell und kam ihm immer näher. Karl zog kurz an seinem Hemd, um es von der feuchten Brust zu lösen und schaute zu ihrem Gesicht – versuchte Blickkontakt herzustellen. Er befand sich auf dem linken Bürgersteig und steppte ein wenig näher an den Straßenrand, in die heiße Sonne hinein – und hob die Hand zum Schutze über die Augen. Die Frau war fast da, sie raste, beinahe wie auf der Flucht, auf ihrem Rad auf ihn zu, als er den rechten Zeigefinger erhob, wie als wenn er sich in einem Klassenzimmer melden wollte. Er reckte den Finger nach oben und sagte laut, aber mit einem Lächeln: „Jetzt erkenn‘ ich dich aber wieder. Das bist du ja tatsächlich“. Er hoffte, sie würde ihm die Scharade abkaufen, mit der er ihr andrehen wollte, dass er sie gestern nicht erkannt hatte. Denn schließlich hatte er sie ja nicht gegrüßt. Wann geht ein Mann schon einfach so auf eine Frau zu und sagt: Hey, kennen wir uns nicht von woher? Scheiße, die meisten Mädels drehen sich doch sofort weg, wenn sie sich nicht erinnern und halten einen für jemanden, der nur in ihre feuchte Möse schlunzen will. Billige Anmache. Überhaupt dachte Karl, dass alle immer nur das Schlechte von ihm denken. Aber heute nicht, nein. Heute nicht. Auch wenn das ‚in die feuchte Möse schlunzen‘ seine Gedanken waren.

Er überwand seine Schüchternheit und seine schlechten Gedanken und schritt mit einem Bein auf die Straße, als sie fast vor ihm war – und stellte sich ihr wie ein Geisterfußgänger in den Weg. Er erkannte sie. Sie war es, ganz klar. Sie fuhr auf ihn zu, strampelnd, ein schweißiger Film auf der Stirn, während unter der Bluse im strampelnden Rhythmus ihr voller Busen waberte. Er lächelte sie an, wollte sie nochmals begrüßen – aber da fuhr sie in einem geschwungenen Bogen an ihm vorbei. So schnell, dass er den Wind spüren konnte. Sie fuhr einfach vorbei, und er drehte sich ihr nach. Die Speichen der Räder surrten. Und das Surren wurde bereits leiser. Es war für einen kurzen Moment laut, und dann wurde es leiser, ganz schnell leiser. Karl dachte, sie hätte ihn angeschaut, und dann wieder direkt gekonnt ignoriert, wenngleich er sich dem, aufgrund der Kürze des Blickkontakts, im Anschluss darauf wieder gar nicht mehr sicher war. Was habe ich falsch gemacht? Scheiße verdammt. Kann man es so eilig haben? Hat sie mich nicht gehört? Leider erhielt er darauf nur eine Antwort. Denn in dem Moment, als sie an ihm vorbeifuhr, dem Moment kurz vor seinen wieder einmal auftretenden negativen Gedanken, die sie mit ihrem Verhalten heraufbeschwörte, konnte er noch ihre rechte Ohrmuschel sehen: Keine Kopfhörer.

Verunsichert schaute er die Hausfassade des Altersheims hoch, in der Hoffnung, durch die Rentner unbeobachtet geblieben zu sein. Dann dachte er daran, was passieren würde, wenn er sie irgendwann wiedersehen täte. Ob sie sich ihren Mantelkragen hochziehen und ihren Kopf von ihm wegdrehen würde, wie eine Frau, die sich vor einem Peiniger verstecken will. Vielleicht würde er sie ja in dem Park treffen, welcher in der Nähe der Kreuzung ist und welcher im Sommer immer voller Menschen ist. Sie würde vielleicht auf einer Decke mit ein paar Freundinnen sitzen, vielleicht sogar mit einer, die ebenfalls in dem Seminar war, und er würde wieder sein Lächeln aufsetzen, versuchen bei aller Schüchternheit möglichst freundlich und selbstsicher zu wirken, und zu ihnen hingehen um „hallo“ zu sagen. Nein, das würde ich nicht tun. Und wenn doch: Sie würde mich keines Blickes würdigen. Ihre Freundinnen würden sich angewidert und bedrängt abwenden. Was ist denn das für ein Freak? Oh nein, ganz sicher würde ich das nicht tun. Karl konnte nicht aufhören zu denken, und jeder seiner negativen Gedanken war ein lebendiger Beweis dafür. Nichtsdestotrotz versuchte er eine Logik zu finden und rief seine Freundin an. Sie saß gern zuhause auf dem Balkon und las in aller Stille – auch bei dieser Hitze. Sie war die perfekte Partnerin für ihn. Und vielleicht hatte sie eine Erklärung für dieses Verhalten.

Während er zu ihrem Namen im Telefonbuch scrollte, ging er um die Kurve, in die Richtung, aus der die Frau gekommen war. Und hörte ein Kind schreien. Oder zwei? Ja, zwei Kinder. Er hob seinen Blick vom Handy ab und sah einen Mann auf der Straße liegen. Er lag auf dem Bauch, den Kopf zur Seite gedreht. Weit zur Seite gedreht. Zu weit. Das Gesicht, wenn es mal eines gewesen ist, trug auf der ihm zugewandten Seite keine Haut mehr. Sie befand sich in heruntergeschabten Schlieren auf dem dazugehörigen Meter Asphalt, der in gerader, blutiger Spur zum verdrehten Kopf führte. Und das Fleisch, welches sonst feinste Bewegung wie ein zahmes Lächeln ermöglichte, hing plattgeklopft von den Knochen hinunter. Carpaccio, dachte Karl zuerst. Dann überfiel ihn die Realität. Der Mann war tot. Blut trocknete bereits zwischen den kleinen Teerkügelchen auf dem Asphalt. Das linke Bein des Mannes war am Knie gebeugt, jedoch in eine andere Richtung. Karl dachte an das kleine Mädchen im Exorzisten, an die Szene, in der es auf dem Rücken die Treppe hinunterrennt. Das würde der Typ nicht mehr schaffen. Dann hörte Karl wieder die Schreie der Kinder. Eines war ein Baby. Die Schreie kamen aus dem Wagen, der direkt in der Laterne geparkt war, welche die Motorhaube bis zur Hälfte der Frontscheibe geteilt hatte. Der Airbag war geöffnet. Und ebenfalls blutig. Das sah er durch die alten Scheiben des Ford Escorts. Das eine Kind verstummte und nur noch das Baby schrie. Karl konnte das differenzieren. Die Hitze, der geschärfte Blick, angespitzt durch die Gedanken, die ihm die damalige Kommilitonin auf dem Fahrrad bereitet hatte. Sein Blick wanderte über das Auto. Hinten saß ein kleiner Junge, der das Baby auf dem Arm hatte. Die Schreie hörten sich nach einem normal schreienden Baby an. Kein Grund zur Beunruhigung. Dann schaute Karl nochmals auf den Mann. Tot. Mausetot. Es hatte ordentlich geknallt. Der Fahrer rührte sich ebenfalls nicht. Schien nicht angeschnallt gewesen sein. Idiot, war Karls erster Gedanke, dann armer Hund. Und: die arme Familie. Dann kam eine Frau auf ihn zu gerannt. Ihre Augen waren aufgerissen, wie auf der Flucht, oder auf der Jagd? Sie blickte Karl an, als ob sie ihm eine reinhauen wollte, voller Wut. „Rufen sie die Polizei“, rief sie ihm zu, schäumend, mit einer undeutlichen, vor Hass gurgelnden Stimme und blutigen Spuckeblasen auf der Unterlippe. Wie von Geisterhand sprang er aus seiner Kontaktliste und wollte 110 wählen, doch er hielt es für klüger zuerst die Ambulanz anzurufen. Die Frau kam näher auf ihn zu. „Wählen sie die 110, sofort.“ Er wählte dennoch die 112. Sie stand direkt vor ihm, mit weit aufgerissenen Augen. Das Adrenalin und der Puls schienen sie bis zum Mond zu schießen, und wieder zurück zu werfen, bis sie vor ihm anfing, völlig losgelöst zu weinen – und bis sie sagte: „Es ist ihre Schuld. Es ging so schnell. Einfach bei Rot. Mein Mann hat versucht zu bremsen, aber … aber … dann ist er ausgewichen. Diese Hure.“
Karl schaute sie an, und begriff erst nicht, wen die Frau meinte, während sie zerstört auf dem Boden kniete und zu ihm hinaufblickte.
„Haben sie nicht die Frau auf dem Fahrrad gesehen?“

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